Bensheim Kinocenter (Pali)

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Geschichte

  • Das frühere "Pa-Li" wurde nach dem Tod seines Besitzers Wilhelm Rudolph 1978 in ein familiäres Kinocenter "Cinema" und "Camera" umgebaut. Aber auch der letzte Betreiber musste die Segel streichen: Das Doppelkino machte dicht. (aus: Bergsträßer Anzeiger 26. Juni 2009)
Mit Knutschecke gegen das Einerlei der Filmpaläste

Das Haus ist schmucklos, die Ecke gehört zu den weniger schönen Gegenden in Bensheim. Weil in der Neckarstraße aber das einzige Kino Bensheims steht, brauchen sich Hans-Jürgen Bösel und Andreas Grüner, die beiden Leiter des Kinocenters Bensheim um Besucher nicht zu sorgen. Knapp 40.000 waren es im vergangenen Jahr. „Zu uns kommen Besucher aus dem ganzen Umland, bis aus Darmstadt, Reinheim und Worms“, sagt Bösel. Die hätten es zu den Kinopalästen bei sich viel näher. „Bei uns zählt Atmosphäre“ sagt Grüner. „Deswegen kommen so viele von so weit her.“ Die Atmosphäre im Bensheimer Kinocenter ist irgendwo zwischen Wirtschaftswunderzeit und achtziger Jahre stehen geblieben „und tut den Leuten einfach gut“, fügt Bösel an. Im Raum vor der Kasse und den beiden „Camera“ und „Cinema“ genannten Sälen stehen Tische und Stühle. „Bei uns gibt es das nicht: Rein in den Film, raus in den Film und sofort auf die Straße. Viele unserer Gäste setzen sich nach dem Film noch gemütlich hin und plauschen.“ In einem Am biente, das nicht wirklich dazu einlädt. Aber es ist da. Und das zählt für viele Kinogänger, die anderswo nach dem Verzehr ihrer überteuerten Popcornration und dem Ablauf des Abspanns qua Architektenstrategie sofort ins Freie geleitet werden. „Nicht bei uns“, sagt Grüner fast trotzig. Er ist stolz darauf, dass das Bensheimer Kinocenter den Besucher in den Mittelpunkt stellt. Klönen über den Film, das individuelle Verhandeln von Gruppenrabatten gehört hier noch zum guten Ton und ist ausdrücklich erwünscht. Andreas Grüner: „Für mich ist das Kinokultur.“ Oben auf dem Balkon des „Cinema“ gibt es die beiden „Knutschecken“ direkt vor der Brüstung. Das sind jeweils zwei Kinosessel etwas abseits vom Balkongetümmel, geeignet für die leichte bis mittelfrivole Annäherung. Nichts dergleichen findet sich in den Kino-Großtempeln der Neuzeit. Im Bensheimer „Cinema“ ist ein derartiger Service für Verliebte ganz selbstverständlich. Ebenso wie die herrlich altbackenen Lampen in den Sälen. Eine Mischung aus Plüsch, Barock und gestrig. Aber dafür eben auch nicht dem heutigen Kinoausstattungsstandard angeglichen. Grüner stammt aus einer Kinofamilie. Der Vater ist Kinobetreiber. „Mein erstes Filmerlebnis war „Nummer 5 lebt“ erzählt er. Heutige Vorlieben: „Science Fiction und Fantasy.“ Seit er und Bösel das Center vor fünf Jahren übernommen haben, sind die Besucherzahlen um ein Drittel gestiegen. „Ein toller Erfolg für uns“, sagen beide. Und verraten das Geheimnis dahinter. „Wir sind sehr nah am Besucher dran, suchen förmlich den Kontakt mit ihm, gehen auf seine Wünsche ein.“ Sondervorstellungen zu Geburtstagen - kein Problem. Dazu die regelmäßigen Sonderaktionen: Sonntags läuft die Reihe „Second Chance“. Ältere Kinderfilme á la „Heidi“, „Iceage“ oder „Schweinchen Babe“. „Die werden sehr gut besucht“, sagt Bösel. Auch während der Woche werden um 16 Uhr Kinderfilme gezeigt. Mit solchen Angeboten grenzt sich das Kino von den Großkinos in Viernheim und Darmstadt ab. Ganz oben sind im Bensheimer Kinocenter die Technikräume. Ein Augenschmaus für Cineasten. Dutzende alter Filmplakate hängen an den Wänden, teilweise nur Schnipsel von ihnen. Kristy McNichol (wer kennt sie noch? Es ist die jüngere Tochter aus der Siebziger-Jahre-TV-Plotte „Eine amerikanische Familie“) grinst mit anderen Ex-Kinostars um die Wette. Dazwischen und neben der mächtigen Vorführanlage in Tellertechnik stehen patinabehaftete Filmrollenschränke, flattert irgendwo ein altes Filmplakat vor der Lüftungsöffnung, die nach draußen führt. Ein alter Elektroschaltkasten hängt einsam an der Wand, dient heute als Ablage für Kleinkram. Kinoleibhaftigkeit, ein wenig verrümpelt, aber auch ein Schaufenster in die Vergangenheit, als Kino noch ein Schaufenster in die Welt war. Im Zeitalter von Internet, DVD und 45 TV-Kanälen ist es das heute freilich nicht mehr. „Und trotzdem kommen viele Bensheimer Jugendliche zu uns“, sagt Grüner. „Zumindest so lange, bis sie mobil sind.“

„Cinema“ und „Camera“ Die beiden Säle im Bensheimer Kinocenter fassen 161 Besucher (plus 42 Plätze auf dem Balkon) im „Cinema“ und 49 Gäste im „Camera“. Kino ist das Haus seit den fünfziger Jahren. Davor war es ein Gasthaus. Die Preise liegen bei fünf Euro (ermäßigt 50 Cent weniger), dienstags pauschal nur drei Euro. So viel kosten samstags und sonntags auch die Kinderfilme. Montags um 20.30 Uhr gibt es eine Sneak Preview für pauschal vier Euro. Bensheimer Kinocenter, Neckarstraße 38, Telefon 06251 69678, www.kinotainment.de.

Kinoneubau in Bensheim?

Bösel und Grüner planen einen Kinoneubau am „Beauner Platz“ nahe des Parktheaters. Das Projekt ist noch nicht in trockenen Tüchern. „Wir wollen dort kein Großkino hinstellen, sondern ein Kino mit klassischem Am biente und überschaubarer Größe“, sagt Bösel, der derzeit mit der Stadt über ein Grundstück verhandelt. Sollte es mit dem Neubau klappen, wird der Standort in der Neckarstraße wahrscheinlich aufgegeben. „Wahrscheinlich wird das Haus dann sogar abgerissen“, vermutet Bösel.

Text Jürgen Buxmann im Outback Magazin

Kinodaten

Name
  • 1949 Pa-Li-Theater
Adresse

Neckarstr. 38

Inhaber
  • 1949 I. u. Gf. Wilhelm Rudolph
Ausstattung
  • Plätze 432, 423 ab 58, 432 ab 61
  • App. 2 Bauer B 6
  • Verst. Klangfilm
  • Lautspr. Klangfilm Eurodyn
  • Bild- u. Tonsyst: CS 1 KL, Gr.-Verh: 1 :2,35 ab 58

Bilder

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Foto: allekinos.com

Weblinks