Kahl Zeigers-Lichtspiele

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Geschichte

Denn immerhin flimmerte im Kinosaal von "Zeigers Lichtspiele" 65 Jahre lang die Leinwand. Erst 1991 mussten die damaligen Betreiber, Heinz und Lisa Zeiger, den Betrieb einstellen: 8000 Mark Jahresumsatz reichten nicht mehr. Davor aber hatten "Zeigers Lichtspiele" eine eindrucksvolle Zeit hinter sich.

1926 baute Richard Zeiger einen angepassten Saal mit schräger Ebene für Filmvorführungen und lud bald schon die Schüler zu einer ersten Vorführung ein: Eine "Vorstellung von lebenden Bildern" kündigte der selbst ernannte "Dr. Flimmerich" an, und zwar "mit dem Papst in Rom", für zehn Pfennig Eintritt. Damit trat Zeiger in die Nachfolge von Fritz Kobert aus Großwelzheim, dem der Gemeinderat am 5. Februar 1924 die "Erlaubnis zu kinematographischen Vorführungen im Gasthaus zum Schwanen des Otto Alig und der Anschluss elektrischen Lichts und der Kraftanlage hierzu" erteilt worden waren.

Ja, richtig gelesen: Kobert hatte nicht nur ein Kino im Tanzsaal des Schwanen betreiben dürfen, sondern bekam auch den Strom dazu. Keine selbstverständliche Sache: Denn exakt drei Jahre vorher, am 5. Februar 1921, hatte der Gemeinderat in Kahl noch den Antrag eines Hanauers auf Betrieb eines Kinos abgelehnt "mit Hinweis auf die vielen sonstigen Lustbarkeiten und unter den nachteiligen Folgen für die Jugend". Und es wurde festgelegt: "Saalbesitzer oder Gebäudebesitzer, welche ihr Lokal zur Errichtung und zum Betrieb von Kinos überlassen, wird der Anschluss an das elektrische Ortsnetz verweigert oder, falls vorhanden, vollständig entzogen."

Da hatte es Richard Zeiger schon einfacher. Seine Lichtspiele erfreuten sich bald reger Beliebtheit; nach dem Krieg war Kino in Kahl sogar so beliebt, dass es bei "Zeigers Lichtspiele" Platzreservierungen gab und in der Vorstadt ein zweites Kino, der "Lindenhof", eröffnete.

Video-Konkurrenz Seine Hoch-Zeit hatte der Treff für Zelluloidfans wohl in den 70er Jahren bis etwa 1985. Dann aber kamen die Videos auf - heute kaum noch in einem Wohnzimmer zu finden, damals aber eine echte Konkurrenz zum Kinofilm. Die Umsätze gingen zurück, außerdem lag das Kahler Kino zwischen Aschaffenburg und Hanau - wo die neuesten Filme meist sechs bis acht Woche früher liefen als in Kahl. 1991 entschied sich Heinz Zeiger, der den Stab vierzig Jahre zuvor von seinem Vater übernommen hatte, die Lichter ausgehen zu lassen. "Der Betrieb hat sich nicht mehr rentiert", meinte er Anfang 1992: Zuletzt habe der Jahresumsatz bei 8000 Mark gelegen, es war "nur noch Hobby", sagte seine Frau damals. Nach dem Ende des Lichtspielhauses begann der Ausverkauf: Die Klappsitze des Kinos mit seinen 200 Plätzen gingen restlos für je drei Mark über den Tresen, auch Filmplakate wurden verkauft. Eines der beiden Filmvorführgeräte wanderte nach Erbach in den Odenwald und ziert heute noch als Ausstellungsobjekt die "Erbacher Lichtspiele". Das zweite Gerät landete auf verschlungenen Pfaden dort, wo einst die Kahler Kinogeschichte begann - im "Schwanen". Die Aufbewahrungsweise der Gemeinde Kahl sei "katastrophal", befand Becker.

Abstellraum für Rasenmäher Lisa Zeiger ist sich aber sicher, dass es noch mehr Erinnerungsstücke als die auseinander gebaute Filmvorführmaschine gibt. Sie kann sich an einen Schrank für die Filmrollen und eine Vorrichtung zur Reparatur von gerissenen Filmen erinnern; auch hätten damalige Mitglieder des Arbeitskreises Heimatgeschichte Fotos und Material gesammelt. Wo diese Dinge geblieben sind? Im alten Kino jedenfalls nicht: Das dient heute nur noch als Abstellraum der Familie für Räder und Rasenmäher.

Nach dem Aus der Lichtspiele waren zwischenzeitlich ein Atelier und ein Ebay-Agent in den ehemaligen Kinoräumen. Jetzt aber will die Eigentümerin nicht mehr vermieten. Die Chancen, dass die Kahler Kinowelt noch einmal eine Renaissance erlebt, stehen auch sonst denkbar schlecht. Allenfalls das jährliche "Open-Air-Kino" der Jugendpflege sorgt heutzutage noch für ein gemeinsames Filmerlebnis. Michael Hofmann

Bilder

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Foto © Main-Netz Media GmbH

Kinodaten

  • 1927 Lichtspieltheater. Inh: Zeiger.
  • 1928 Zeigers Lichtspiele, Sälzerweg 11, Gr: 1926, 2 Tage 450 I: Richard Zeiger, Bruchgraben
  • 1929-1930 Zeigers Lichtspiele, Sälzerweg 11. Gr: 1927, 2 Tage 400 I: Richard Zeiger, Bruchgraben 1
  • 1931
  • 1932
  • 1933 Zeiger's Lichtspiele, Sälzerweg 11, Gr: 1927, 2 Tage 400 I: Richard Zeiger, ebenda
  • 1934 Zeiger's Lichtspiele, Sälzerweg 11, Gr: 1927, 2 Tage, Kap: Mech. Musik, T-F: Lichtton 400 I: Richard Zeiger, ebenda
  • 1935
  • 1937-1938 Zeigers Lichtspiele, Sälzerweg 11. Gr: 1927, 2 Tage 300 I: Richard Zeiger, ebenda
  • 1939
  • 1940
  • 1941 Zeigers Lichtspiele, Sälzerweg 11, Gr: 1927 300/1 Tg. I: Richard Zeiger, ebenda
  • 1949 Zeigers Lichtspiele Sälzerweg. Inh.: Richard Zeigers. Pächter: Emil Lüttich, Hobb Zeigers-Lichtspiele Sälzerweg 11, I: Richard Zeiger, Kahl, Sälzerweg 11. 470 Pl. 4—5 Tg., 1—2 V., Dia; App.: AEG., Vst.: Klangfilm, Str.: W., D. 220 Volt. ach i. Sp. 4—5 Tage Pl. 470
  • 1950-1952 Zeigers-Lichtspiele Sälzerweg 11, I. Richard Zeiger, Kahl a. Main, Sälzerweg 11. Pl 470, 4—5 Tg, 4—6 V, Dia, App. AEG, Vst. Klangfilm, Str. W.-D. 220 Volt.
  • 1953-1956 Zeigers-Lichtspiele Sälzerweg 11, Tel: 426, I: Richard Zeiger. Pl: 470, 3-5 Tg., 4-6 V., tön. Dia, App: AEG, Verst: Klangfilm, Str: D.-W. 220/380 Volt, 35 Amp., Bühne: 6x4x5, Th.
  • [[1957]-1960 Zeigers-Lichtspiele Sälzerweg 11, Tel: 426, I: Richard u. Heinz Zeiger, Gf: Heinz Zeiger Pl: 470, teilw. Hochpolster, 6 Tg, 7-9 V, 1-2 Mat.-/Spätvorst, App: AEG, Verst: Klangfilm, Bild- u. Tonsyst: CS 1 KL, Gr.-Verh: 1:2,35, Th.
  • 1961-1962 Zeigers-Lichtspiele Sälzerweg 11, Tel: 426, I: Richard u. Heinz Zeiger, Gf: Heinz Zeiger Pl: 470, teilw. Hochpolster, 6 Tg, 7-9 V, 1-2 Mat.-/Spätvorst, FKTg: donnerstags, Dia-N, App: AEG, Lichtquelle: Reinkohle, Verst: Klangfilm, Bild- u. Tonsyst: Sc, 1 KL, Th.
  • 1971 Zeigers Lichtspiele. Sälzerweg 11, T: 2426 I: Richard u. Heinz Zeiger 298 P.