Lindau Filmpalast

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Geschichte

2015: Der ehemalige Filmpalast auf der Lindauer Insel wird demnächst abgerissen. Ein Investor baut auf dem Grundstück einen neues Gebäude, in dem auch ein Supermarkt eröffnen soll. Ein Blick zurück in die Geschichte des Kinos:

Seit 1904 wurden im Rahmen von Lindaus Jahrmarktrummel auf der nördlichen Seeauffüllung Filme vorgeführt, im Jahre 1910 über die Osterfeiertage auch im städtischen Theatersaal, heute das Stadttheater, und 1914 auch in der ehemaligen Aeschacher Gaststätte „Jungfernburg“. Ab Januar 1913 existierte Lindaus erstes festes Kino in der Cramergasse, welches 1915 als „Lichtspieltheater“ und seit 1930 als „Rathaus-Lichtspiele“ mit seinen rund 170 Sitzplätzen im Eckhaus Salzgasse/Maximilianstraße sein Domizil hatte (heute Cabaret und Restaurant). Seit April 1921 kamen im katholischen Vereinshaus in der Grub, später das „Schlechterbräu“, die „Kammerlichtspiele“ mit 220 Sitzplätzen hinzu.

Mit der politischen Machtübergabe an die erste Hitlerregierung 1933 wurden nun auch in Lindaus Lichtspieltheatern teils platte NS-Propagandafilme, wie beispielsweise im April 1933 „Blutendes Deutschland“ im Rathaus-Ton-Kino, teils gefährlich harmlos daher kommende Produktionen wie beispielsweise im Januar 1938 der Tobis-Großfilm „Signal in der Nacht“ aufgeführt.

Der meinungsbildenden Wirkung sich bewegender Bilder eines Filmes bewusst, waren die zusammen damals rund 390 festen Lindauer Kinoplätze, ergänzt durch gelegentlich weitere 490 bei Sondervorführungen im städtischen Theatersaal, den neuen NS-Machthabern nicht genug an filmischer Einflussnahme. Reichspropagandaminister Josef Goebbels hatte bereits im März 1933 festgelegt: „Unsere Filmproduzenten werden sich daran gewöhnen müssen, dass nach und nach neue Bannerträger auftreten… damit es wieder wie auch auf anderen Gebieten vom deutschen Film heißen kann: Deutschland in der Welt voran!“ In diesen Sinne wandte sich seine „Reichsfilmkammer“ zum Jahreswechsel 1936/37 an Lindaus Stadtverwaltung mit der Aufforderung, dass zwei neue Kinos errichtet werden müssten. Bürgermeister Siebert und der ihm unterstehende Stadtrat einigten sich auf ein großes neues Filmtheater. Dieses sollte an der Stelle des dort ursprünglich geplanten Lindauer „Hauses der NSDAP“ auf dem Gelände zwischen westlicher Stadtmauer und Bahngleisen errichtet werden. Hierzu erhielt Kinobesitzer und NSDAP-Stadtrat Haug 1937 auf städtischem Grund die Genehmigung.

Am Samstag, 10. Dezember 1938, wurde das unter der Leitung des Bregenzer Architekten Arthur Wander errichtete „Neue Filmtheater Lindau“ eröffnet. In typischem NS-Pathos samt Selbstgefälligkeit sprach dabei Lindaus Bürgermeister Fritz Siebert unter anderem davon, „die Weihe des Lindauer Filmtheaters feiern wir in einer Zeit, die größer ist als je einmal zuvor; dies und alles andere, was in Deutschland heute geschieht, dient dem Führer und damit Volk und Reich. Möge auch diese Stätte sein eine Stätte des Wirkens deutscher Kunst und deutscher Erziehung.“ Als erster Film wurde die Kostümkomödie „Nanon“ mit Johann Heesters und Erna Sack aufgeführt.

Mit 700 Sitzplätzen, davon 50 als Logen, einer modernen Raumbe- und Entlüftung sowie tausend elektrischen 15-Watt-Glühbirnen bot es nun reichlich Platz. Zusätzlich sollten darin Kundgebungen und Theateraufführungen stattfinden, wozu vor der Leinwand ein Bühnenvorbau mit Scheinwerferbeleuchtung, ein Orchestergraben sowie hinter der Bühne ein Umkleide und Schminkraum errichtet worden waren.

Der Entwicklungslogik des deutschen Faschismus folgend, musste Kinobesitzer Haug allerdings bereits zwei Jahre später per Kontrollschein sein Publikum darauf hinweisen: „Bei Fliegeralarm ist den Anordnungen meiner Angestellten in Ausübung ihrer Pflichten unbedingt Folge zu leisten.“ Haug betrieb das Kino in städtischer Erbpacht auf 99 Jahre.

Das seit 1952 als „Filmpalast“ benannte Kino wurde 1966 grundlegend umgebaut. Der wachsenden Konkurrenz des Fernsehens geschuldet, verkleinerte der Besitzer nun den Kinosaal auf 415 Plätze. An die Stelle des früheren „Parketts“ und den ursprünglich der Zeppelinstraße zugewandten Kinoausgängen zog ein „Großraumladen“ des damaligen Ulmer Lebensmittelhändlers Gaissmaier ein. Im Jahr 1985 übernahm Peter Basmann die Erbpacht es Kinos.

Der zunächst verbliebene Kinoeingang wurde zu Beginn der 2000er-Jahre nach Süden verlegt und anstelle der ursprünglichen Arkaden der Kinoeingangshalle Platz für die zweite Heimstatt des Lindauer Bistros „New Orleans“ geschaffen, später „New Style“ und „VIP“, deren Betrieb das Kinopublikum auch immer wieder störte. Hinzu kam die inzwischen übermächtige Konkurrenz durch Fernsehen und Internet.

Letzter der insgesamt wenigen cineastischen Höhepunkte in Lindaus „Filmpalast“, war 2010 „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ von James Cameron.

Als letzte zwei Filme überhaupt im nun nur noch 241 Sitzplätze bietenden Kino an Lindaus Zeppelinstraße 6 wurden im April 2014 „Die Bestimmung“ und „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang“ gezeigt.

Danach erwarb die Stadt das Gebäude und lässt es für einen kommenden Lebensmittelvollsortimenter abreißen.[1]


Das einstmals repräsentative Gebäude in Bahnhofsnähe wurde im Herbst 1938 eingeweiht. Im Zeichen des allgemeinen Zuschauerschwunds entschloß man sich in den 90ern, den Kinobetrieb nur noch im abgetrennten Balkon weiterzubetreiben, während im Erdgeschoß ein Bistro sowie ein Textildiscounter einzogen.

In Lindau wurde Elisabeth Haug als "Kino-Oma" bekannt. Noch zu Stummfilmzeiten richtete ihr Ehemann ein Kino ein und baute 1935 den Filmpalast. Die ganze Familie war an dem für damalige Zeiten nahezu revolutionären Unternehmen beteiligt. Vom Vorführer bis zur Kassiererin: alles stellte Familie Haug selbst. Familie Haug baute sich in Siberatsweiler ein Haus. Dort lebte Elisabeth Haug nach ihrer Verwitwung bis 1994. (Erschienen: 07.10.2002)

Weblinks

Kinodaten

  • 1940 Neues Filmtheater, Zeppelinstr. 6, F: 2294, Gr: 1.10.1938, Bühne: 10x6m, 686 Plätze, täglich, Inh: Karl Ludwig Haug, Lindau-Aeschach, Langenweg 24, F: 2254
  • 1941 Neues Filmtheater, Zeppelinstraße 6, F: 2254, Gr: 1.10.1938, Bühne: 11x4 m, 686 Plätze, täglich, Inh: Karl Ludwig Haug, Lindau, Postfach 12, F: 2254
  • 1947 Neues Filmtheater, Pl. 684, m. D., Sp. 7 Tage
  • 1949 Neues Filmtheater, Zeppelinstraße, Tel. 2528. Inh. u. Gschf.: Frau Dir. Siemund, Friedrichshafen, Eckenerstraße 45, Tel. 270 F'hafen. Mit. Dia 7 Tage, Pl. 700
  • 1950 Neues Filmtheater, Zeppelinstr. 6, Tel. 2528, Inh. u. Gf: Karl Ludwig Haug, Lindau-Aeschach, Hundweilerstr. 2, 700 Plätze, 7 Tg., 2-3 V., Dia; App.: Ernemann VII B, Vst.: Klangfilm-Europa-Klarton, Bühne: 12x6x10, Th. ja, O. ja.
  • 1953 Filmpalast, Zeppelinstr. 6, Tel. 555, Inh. u. Gf: Karl Ludwig Haug, Lindau-Aeschach, Hundweilerstr. 2/1. Etage, PI. 700, 7 Tg., 16 V., tön. Dia, App. Ernemann VIIB, Vst. Klangfilm-Klarton, Bühne: 12x6x10, Th. ja, O. ja
  • 1955 Filmpalast, Zeppelinstr. 6, Tel. 555, Inh. u. Gf: Karl Ludwig Haug, Lindau-Reutin, Kemptener Straße 6, Pl. 700, 7 Tg., 16 V., tön. Dia, App. Ernemann VIIB, Vst. Klangfilm-Klarton, Bühne: 12x6x10, Th., O., Breitwand
  • 1956 Filmpalast, Zeppelinstr. 6, Tel. 555, Inh: Karl Ludwig Haug, Priv.-Anschr.: Kemptener Str. 6, Pl. 700, 7 Tg., 16-18 V., 2-3 Matinee-Vorst., App. Ernemann X (2 Rechtsm.), Verst. Zeiss Ikon Dominar M, tön. Dia, Bild- u. Tonsyst.: CinemaScope, Stereophonie, 4-Kanal-Magnetton, Bildw.-Abm. 4,1x7, 58xF80 mm, 4,1x10, 15xF 120 mm, Gr. Verh. 1:1,85, Bühne 12x6x6, 5, Th., O.
  • 1957-1960 Filmpalast, Zeppelinstr. 6, Tel: 555, Inh: Karl Ludwig Haug, Pl: 700, Best: Stüssel, Hochpolster, 7 Tg, 17-26 V, 6 Mat.-/Spätvorst, tön. Dia, App-, Ernemann X, Verst: Zeiss Ikon Dominar M, Lautspr: Klangfilm, Bild- u. Tonsyst: CS 1 KL u. 1 KM u. 4 KM, Gr.-Verh: 1:2,35, 1:2,55, Th., O.
  • 1961-1962 Film-Palast, Zeppelinstr. 6, Tel: 555, Inh: Karl Ludwig Haug, PI: 700, Best: Stüssel, Hochpolster, 7 Tg., 17-26 V., 6 Mat.-/Spätvorst, FKTg: 2 x monatl., tön. Dia-N, App: Ernemann X, Lichtquelle: Becklicht, Verst: Zeiss Ikon Dominar M, Lautspr: Klangfilm, Bild- u. Tonsyst: Sc, 1 KL, 1 KM u. 4 KM, Gr.-Verh: 1:2,55, Th., O., Schwerhörigenanlage
  • 1995 Filmpalast, DO SR, 252 Pl. 88131 Lindau, Zeppelinstr. 6, Tel: 08382/6955, Inh: Peter Basmann, 88131 Lindau, Pf. 1349, Tel.: 08382/6900