Michendorf Deli, Deutsches Haus

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Geschichte

In der Potsdamer Straße 61 steht heute auf der Höhe der Bushaltestelle ein Supermarkt. Auf die bewegten Zeiten an diesem Ort weist einzig der Giebel des neuen Hauses hin, in dem heute die Michendorfer einkaufen können. Er ist der Silhouette des „Alten Dorfkrugs“ nachempfunden, der hier einmal stand. Daneben befand sich einst das „Deutsche Haus“, in dem die Michendorfer Kinogeschichte begann.

Der Schlächtermeister Georg Schirner erwarb Ende der 1920er Jahre diese Gaststätte, die vormals „Gasthaus Gaenecke“ hieß. Er erweiterte das Deutsche Haus umfassend. Neben einer Kegelbahn und einem Schießstand ließ er einen großen Saal hinter dem Gebäude errichten. Dieser bot fortan die Möglichkeit, die sich verbreitende Welt des Zelluloids auch nach Michendorf zu holen. Im Saal führten übers Land ziehende Vorführer bald die ersten Filme vor. Ältere Jahrgänge in Michendorf erinnern sich, dass zunächst Stummfilme mit Klavierbegleitung gezeigt wurden, während die Zuschauer auf harten Stühlen oder Bänken Platz nahmen.

An der Stelle der mobilen Filmvorführungen entstand erst Jahre später ein stationäres Kino. 1940 erwarb Johann Homey die Gaststätte mit dem dazugehörigen Saal. Da dieser sowieso sanierungsbedürftig war und wohl auch, weil sich das Kinogeschäft in einer Zeit ohne heimische Fernsehgeräte lohnte, ließ der Wirt 1941 den großen Raum zu einem dauerhaften Kino umbauen. Im gleichen Jahr wurden so die „Deli-Lichtspiele“ als erstes und bis heute auch einziges Kino Michendorfs eröffnet.

Nach Kriegsende wurden die Deli-Lichtspiele verstaatlicht und unterstanden somit der Kreisfilmstelle. „Noch bis 1949 behielt das Deutsche Haus mit seinen Erweiterungsbauten die Bedeutung des kulturellen Mittelpunktes in Michendorf“, blickt Ortschronist Hans-Joachim Strich zurück. Neben Filmvorstellungen sei 1947 vor einem überfüllten Saal etwa die Operette „Zum weißen Rössel“ aufgeführt worden. Auch später habe der Kinosaal nicht nur für Filmvorführungen, sondern auch als Raum für Kulturveranstaltungen oder Jugendweihen gedient. „Doch Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre verschob sich der kulturelle Mittelpunkt zusehends ins Volkshaus“, erläutert Strich.

Die Deli-Lichtspiele dienten weiter als Kino. Politische Filme wie „Panzerkreuzer Potemkin“ oder „Wie der Stahl gehärtet wurde“ fanden wenig Interesse beim Publikum, erinnert sich der Ortschronist, der damals als Geschichtslehrer tätig war. „Meist delegierte man Schüler der 7. und 8. Klassen oder Angehörige von Parteien und Massenorganisationen in diese Filme.“ Einen wahren Zuschauerstrom hätten hingegen DEFA-Filme wie „Die Mörder sind unter uns“ (1946) mit Hildegard Knef oder der noch während des Krieges gedrehte und durch Joseph Goebbels verbotene Film „Große Freiheit Nr. 7“ ausgelöst.

Im Jahr 1961 erfuhren die Deli-Lichtspiele in der Potsdamer Straße eine umfassende Modernisierung. Nicht nur eine Garderobe wurde eingerichtet, sondern auch den Saal baute man um. Er erhielt aufsteigende Sitze, die Technik wurde komplett modernisiert und die Bühne erweitert. Anfang der 1980er Jahre wurde dann eine vollautomatische Abspielanlage eingebaut, die das Herz des Kinovorführers höher schlagen ließ. „Die Deli-Lichtspiele waren ein klasse Kino mit einem hohen Standard“, lobt Peter Prestin, der damals bei der Kreisfilmstelle Potsdam arbeitete und heute die „Diana-Lichtspiele“ in Teltow betreibt. In der Regel wurden zu Zeiten der DDR an vier Tagen im Michendorfer Kino Filme gezeigt – dienstags, mittwochs und am Wochenende. Nicht selten gab es zusätzliche Kindervorstellungen.

Nach der politischen Wende 1989 wurde das Ende der Deli-Lichtspiele eingeläutet. Für das Grundstück bestanden Restitutionsansprüche, auch ein neuer Betreiber fand sich nicht, so dass im Frühjahr 1991 die Kinokassen ein letztes Mal öffneten. Noch einige Zeit darüber hinaus fanden hin und wieder Veranstaltungen in dem Saal statt, bevor das gesamte Grundstück in einen Dornröschenschlaf fiel. Erst im Jahr 2000 kaufte der heutige Supermarktbetreiber das Kino sowie das Gebäude des früheren „Alten Dorfkrugs“ und riss die Häuser ab. Quelle: Märkische Allgemeine, Potsdamer Stadtkurier, 09.08.2005

Kinodaten

  • 1928 Kino Deutsches Haus, Potsdamer Straße 23, Gr: 1923, Sonntag, 200 Plätze, Inh: Paul Gartenschläger
  • 1930 Kino Deutsches Haus, Potsdamer Straße 23, Gr: 1925, Sonntags, 350 Plätze, Inh: G. Schirm
  • 1931 Kino Deutsches Haus, Potsdamer Straße 22, Gr: 1925, Sonntags, Kap: 2 M, 350 Plätze, Inh: Emil Kollasdi, ebenda
  • 1932 Kino Deutsches Haus, Potsdamer Straße 22, Gründung 1925, 2 Tage, R, V, Bühne: 6x5m, T-F: Ja, Inhaber: Schirner & Weiß, Geschäftsführer: Leopold Wein
  • 1933 Kino Deutsches Haus, Potsdamer Straße 22, Gründung 1925, 2 Tage, R, V, Bühne: 6x5m, T-F: Ja, 300 Plätze, Inhaber: Schirner & Weiß, Geschäftsführer: Leopold Wein
  • 1934 Kino Deutsches Haus, Potsdamer Straße 59, Gründung 1925, 1 Tag, R, V, Bühne: 6x5m, T-F: Ja, 300 Plätze, Inhaber: Bruno Pfenn
  • 1937 Kino Deutsches Haus, Potsdamer Straße 59, Gründung 1925, 1 Tag, V, Bühne: 6x5m, 300 Plätze, Inhaber: Bruno Pfenn
  • 1938 Kino Deutsches Haus (Mst.), Potsdamer Straße 59, F: 295, Gr: 1925, 1 Tag, Bühne: 6x5m, 300 Plätze (gestrichen)
  • 1950 Deli-Lichtspiele, Potsdamer Str. 59, 405 Plätze
  • 1991 Deli, Potsdamer Str., 265 Plätze