Diskussion:Günzburg Luxor, Lichtspielhaus

Aus Kinowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Babelsberg und Hollywood in Günzburg von Walter Grabert M.A., Stadtarchivar und Museumsleiter

Dieser Beitrag erschien (in einer etwas anderen Fassung) erstmals im „Heimatmagazin“ III/1999, aber der Verfasser ist Filmliebhaber durch und durch, und er glaubt, dass auch eine lokale Kinoszene es verdient, auf der neu gestalteten homepage der Stadt Günzburg im weltumspannenden Datennetz gewürdigt zu werden. Und vielleicht kann der zukunftsorientierte Internetsurfer etwas davon nachempfinden, was seine Großeltern und Urgroßeltern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem noch jungen Medium ‚Film‘ erlebt haben.

Multiplexkinos sind überall im Land entstanden und üben eine unwahrscheinliche Anziehungskraft auf das vorwiegend junge Publikum aus. Ich selbst kann diese Begeisterung nicht so ganz nachvollziehen, was aber sicher auch daran liegt, dass der Kinobesucher „im Schnitt“ Anfang 20 ist und meine Leidenschaft für den Film vor viel längerer Zeit entfacht wurde. So schön es ist, dass die große Leinwand auch im Jahr 107 nach den Gebrüdern Lumière und den Skladanowskys nichts von ihrer Faszination verloren hat, meine Art des Kinos ist das eigentlich nicht mehr. Meine Liebe gehört den alten Lichtspieltheatern, die aus Wirtshaussälen entstanden sind, oder den Neubauten der 50er Jahre. Ich erinnere mich an klingende Namen wie Alhambra, Bambi, Camera, Luna, City und Scala in Fürth bzw. Schwabach, und besonders die beiden letztgenannten Häuser wären heute Ikonen der Nierentisch-Ära.

Die Kinos in Burgau, Leipheim und Jettingen sind längst Geschichte, und auch in Ichenhausen erlosch 1986 für immer das Licht on the silver screen. Von den zwei Günzburger Filmtheatern handelt folgender Beitrag. Am 27. November 1912 erteilte der Rat der Stadt Günzburg dem „Operateur“ Anton Schurr aus Ravensburg die Genehmigung zum Betrieb eines „beständigen Kinematographen“. Da der ursprünglich vorgesehene Saal des Gasthauses „Zur Krone“ (Marktplatz 24) im zweiten Obergeschoß lag und für Kinovorführungen aus feuerpolizeilichen Gründen ebenerdige Räume vorgeschrieben waren (die Zelluloidfilme, die im Projektor nahe an einem offenen Lichtbogen vorbeigeführt wurden, brannten im Unglücksfall wie Zunder), wich man auf ein Nebengebäude im Hinterhof der „Krone“ aus. Die alten Bauakten der Stadt Günzburg belegen, daß der Vorführraum 58 m² groß und 3,00 Meter hoch war. Anfänglich wurden mehrere kurze Streifen, sog. films, zu einem abwechslungsreichen Programm zusammengestellt.


Das erste Günzburger Kinoprogramm (Dezember 1912)


Abendfüllende Spielfilme entstanden erst nach dem Ersten Weltkrieg, als sich das „Kintopp“ von der Schaubudenunterhaltung zur Filmkunst wandelte. 1914 wurde der Eingangsbereich durch drei Arkadenbögen ansprechender gestaltet, und 1922 stellte der neue Besitzer der „Krone“, wahrscheinlich aus gegebenem Anlass, einen Bauantrag zur Errichtung einer Bedürfnisanstalt für die Kinobesucher. Der Kinobetreiber hielt dies bis dahin nicht für notwendig, da die Vorstellungen weniger als zwei Stunden dauerten. 1929 wurde der Vorführbetrieb eingestellt.

Im gleichen Jahr nahm ein weiteres Filmtheater den Betrieb im heutigen „Guntia-Stadttheater“ (Nähe Kuhtor) auf. Das Bauwerk aus dem Jahr 1744 diente ursprünglich als österreichische Werbekaserne, später als städtisches Armenhaus und seit dem 16. Oktober 1816 als Bühne für die „Private Dilettanten-Theatergesellschaft“ und viele kurzzeitig hier gastierende Schauspieltruppen. Die Theatertradition endete während des Ersten Weltkriegs.

Im „Stadttheater“ kann man heute noch Kinoatmosphäre der 50er erleben. Eine tiefrote Wandbespannung, Messingleuchten, eine illuminierte Einrahmung der Leinwand und der Vorhang, der sich nach mehreren Gongschlägen zum Hauptfilm öffnet – so gehört sich das.

Und hier wurde auch am 31. März 1995 der 100. Geburtstag des Kinos mit einem double feature gefeiert. Die in Günzburg lebende Ufa-Schauspielerin Else Elster sprach über ihre Zeit in Babelsberg, und dann lief der Revuefilm „Hallo Janine“ von 1939, in dem sie eine Hauptrolle spielte.

Ebenfalls 1929 wurde nach einem Entwurf des Nürnberger Architekten Wilhelm Rißmann in der Wörthstraße ein Gebäude errichtet, das von Anfang an als Kino konzipiert war und sogar einen kleinen Orchestergraben zur Stummfilmbegleitung hatte. Es ist eines der wenigen Beispiele für die Architektur der Weimarer Zeit in Günzburg und steht seit einigen Jahren auf der Denkmalliste. Am 21. Dezember 1929 eröffnete das „Roseville-Theater“ mit 180 Parkett-, 52 Sperr- und 90 Balkonsitzplätzen und vier Logen den Betrieb. Der Name war für Günzburger Verhältnisse wohl etwas ungewöhnlich, denn bereits am 16. Mai 1930 liest man im wöchentlichen Zeitungsinserat „Günzburger Lichtspielhaus“. Ein Umbau im Jahr 1980 hat das Innere leider stark verändert. Durch das Einziehen einer Zwischendecke liegt das „Luxor-Orion“ heute im Obergeschoß, auf der Höhe des früheren Balkons. Hier zeigt die Volkshochschule Günzburg seit Jahrzehnten ihren „Film des Monats“ (siehe Programmheft).

Eine wichtige Aufgabe der Günzburger Stadtpolizei war die Überwachung der Altersbeschränkungen. War ein Besucher zu jung, wurde er aus dem Zuschauerraum entfernt, zuhause wahrscheinlich ordentlich „gewatscht“, und auch der Kinobetreiber musste, da er seiner Kontrollpflicht nicht nachgekommen war, bei mehrmaligen Verstößen mit einer Geldbuße rechnen. Ab August 1932 überwachte ein Fräulein (sic!) des städtischen Jugendamts den Kinobesuch. Böse Zungen behaupteten, die Dame habe ihre dienstliche Aufgabe nicht sehr ernst genommen und sich nur die Filme angesehen.

Was die Rezeption einzelner Werke der Lichtspielkunst betrifft, so gab es in Günzburg im Mai 1932 eine längere Auseinandersetzung zwischen einem Kinobesitzer, der Stadtverwaltung und dem Leiter einer Schule. Der Stummfilm „Ben Hur“ (USA, 1924-26, Regie: Fred Niblo) war bis weit in die Tonfilmzeit hinein ein großer Publikumserfolg. Als der Streifen sechs Jahre (!) nach der Uraufführung endlich hier lief, hatte der Pädagoge Bedenken wegen einiger „anstößiger“ Szenen: „Der Film ist für Jugendliche in der Pubertät durchaus nicht geeignet. Bilder blumenstreuender, lediglich mit einem Keuschheitsgürtel bekleideter Mädchen, die Verführungsszene, [...], die Darstellung der unmenschlich rohen Galeeren- und Rennbilder u. a. m. sind geradezu Gift.“

Wie stark die Nationalsozialisten das Medium Film förderten, sieht man schon daran, dass es besonders bei „staatspolitisch wichtigen“ Filmen, so ein Prädikat der „Reichsfilmkammer“, nur noch kurze Zeit dauerte, bis sie auch „in der Provinz“ zu sehen waren. Drei Wochen nach der Uraufführung in Berlin (20. Februar 1934) flimmerte „Stoßtrupp 1917“ bereits auf einer Günzburger Leinwand.


Günzburger Lichtspielhaus (März 1934)


Die zur Verfügung gestellten Werbemittel und die Vorankündigungen zeigten auch die gewünschte Wirkung. An fünf Tagen (sonst spielte man nur an drei Tagen in der Woche) wurden insgesamt 1.583 Eintrittskarten verkauft. „King Kong“, der eine Woche später lief, wollten nur 236 Leute sehen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Film ein wichtiges Instrument, um Propaganda und Durchhalteparolen zu verbreiten. Die letzte Vorstellung in Günzburg fand wahrscheinlich am 20. April 1945 statt, fünf Tage später besetzten amerikanische Truppen die Stadt. Am 20. April 1946, also genau ein Jahr später, nahm das „Lichtspieltheater“ nach einer Eröffnungsrede von Sergeant Arnold J. Jacobius von der Militärregierung den Spielbetrieb wieder auf, und Filme aus Hollywood, die „Tausend Jahre“ lang verboten waren, entführten die Zuschauer für zwei Stunden aus ihrer trostlosen Realität in die Welt des Glamour.